Interview mit Juanita Baltodano, Vorstand des Netzwerkes Cooperativas Sin Fronteras in San José, Costa Rica, und Aufsichtsratsvorsitzende von Kooperativen ohne Grenzen Deutschland.

Juanita Baltodano 2017 10 02
Warum eröffnet Cooperativas Sin Fronteras eine Niederlassung in Deutschland? Gibt es hier nicht schon genug exklusiven, ökologisch angebauten und fair gehandelten Kaffee auf dem Markt?
Ich war perplex, als ich realisiert habe, dass wir in Deutschland - dem Markt für ökofaire Produkte in Europa, der am schnellsten wächst – so wenig vertreten sind. Wir wollen unserer Zielgruppe in Deutschland – hauptsächlich kleinere Röstereien, Cafés und Chocolaterien – mit unserem Angebot an direkt importierten Waren durch Qualität und Preis gewinnen. Dadurch, dass viele Betriebe regelmäßig kleine Mengen benötigen, war es für sie bisher ökonomisch nicht rentabel, direkt vom Erzeuger zu bestellen. Die Transportkosten und das mit dem Import verbundene Handling für kleine Mengen sind für sie zu teuer und zu aufwendig. Wir können die entsprechenden Mengen nach Bedarf liefern. Dabei ist unsere Produktqualität herausragend. Für bewusste Käufer sind wir deshalb die erste Wahl: Bei uns können sich Kund_innen sicher sein, dass sie ethisch korrekte und ökogisch zertifizierte Produkte erhalten, die bis an den Ursprung zurückverfolgbar sind.

Warum ist der deutsche Markt für Nahrungsmittel aus kleinbäuerlicher Produktion „schwierig“?
Hier sind die Claims der Akteure anscheinend schon gut abgesteckt. In Deutschland läuft ein Großteil des Handels weitgehend über die Großen, Supermarktketten, auch Biosupermärkte und Discounter. So gut es ist, dass immer mehr Verbraucher ethisch korrekte Biowaren beziehen wollen, so sehr haben sich die Handelsmechanismen und Konditionen für die Kleinproduzenten in den letzten Jahren verändert. Die großen Handelsketten beziehen ihre Waren oft bei Zwischenhändlern, für die einzig das Siegel und der Preis zählen. Alle unsere Mitglieder in Lateinamerika, wir vertreten 16.000 Produzentenfamilien - unter anderem bäuerliche Betriebe aus Peru, Argentinien, Nicaragua, Brasilien und Guatemala - produzieren ökologisch und tragen das Fairtrade-Siegel. Aber manche von uns setzen nur 30% der hochwertigen Agrarprodukte als fair gehandelt ab. Den Rest müssen sie über Zwischenhändler verkaufen, als Bioware oder auch konventionell - zu einem schlechteren Preis.


Dann sind es die direkten Kontakte zu solidarischen Händlern, die Ihnen fehlen?
So könnte man das grob zusammen fassen. De facto vertreiben einige unserer Kooperativen Kaffee oder Kakao direkt an solidarische Unternehmen, schon seit Jahren. Zum Beispiel an ein großes deutsches Fairhandelshaus, an eine Schweizer Schokoladenfabrik oder an eine italienische Biofirma mit ethischen Ansprüchen. Diese langfristigen Beziehungen sind etwas anderes, sie haben eine andere Qualität und sind über Jahre gewachsen. Da ist Vertrauen entstanden und bei Problemen, etwa wenn beim Transport etwas schief ging oder Fristen nicht gehalten werden können, redet man miteinander. Unsere Mitgliedskooperativen können aber nur einen Teil der Produkte direkt an Fairhandelshäuser oder solidarische Unternehmen mit langfristigen Lieferbeziehungen zu fairen Preisen vermarkten. Es ergibt sich ein Paradox: der Biomarkt und der Fairhandelsmarkt wächst, der Anteil der Kleinproduzenten mit Siegel geht aber zurück. Dass der Markt für faire Produkte sich gerade verändert, merken wir auch an den Qualitätsansprüchen der großen Importfirmen. Die Kakaoqualität spielt auf dem Fairtrade-Massenmarkt inzwischen nur noch eine untergeordnete Rolle. Das wiederum liegt an den geänderten Bedingungen für das Fairtrade Siegel. Fairtrade kam den großen Firmen ziemlich entgegen. Das Argument, wenn mehr Produkte das Siegel tragen, profitieren mehr Kleinproduzenten in armen Ländern, läuft ins Leere. Es ist das Kleingedruckte, das es möglich macht, dass zwar mehr abgesetzt wird, aber immer weniger Kleinproduzenten von besseren Preisen profitieren. Es ist verständlich, dass Zwischenhändler, die ökofair gesiegelte Agrarprodukte aufkaufen, ihre Zutaten für ihre Produkte so billig wie möglich erwerben wollen.  Durch die neuen Regeln im fairen Handel, vor allem den sogenannten Mengenausgleich und die 20% Regel, ist es dann z.B. möglich, dass in einer Fairhandelsschokolade, auf der das Fairtrade-Siegel prangt, vergleichsweise teurer Kakao durch billigeren Fairtrade-Zucker ersetzt wurde und der edle Qualitätskakao durch fair gehandelte Standardware. Gleichzeitig kann diese Schokoladentafel das Fairtrade-Siegel erhalten, obwohl in dieser konkreten Schokoladentafel mit dem Fairtrade-Siegel gar nicht mehr Fairtrade drin ist. Nur die Menge an fair gehandelten Zutaten in den gehandelten Schokoladentafeln dieses Herstellers muss unter dem Strich stimmen. Wir produzieren Kakao höchster Qualität, dieser Qualität erreicht aber unserer Kunden bisweilen nicht. Und schon gar nicht solche solidarischen Käufer und Unternehmen, die auf Zwischenhändler angewiesen sind. Wir wollen mit unserem Direktangebot diese Kunden bedienen, ohne den sogenannten Mengenausgleich. Es kommt ihnen und uns zugute. Da wir einen bedeutenden Teil der Kaffee- oder Kakaoernte nach wie vor konventionell mit oder ohne Bio- oder Fairtrade-Siegel an anonyme Importeure. verkaufen, fragen sich einige unserer Mitglieder, ob sich die teuren Siegel lohnen, wenn wir danach unter Umständen auf einem Teil unserer Produktion sitzen bleiben.

Muss man als Unternehmen nicht ist immer ein hohes unternehmerisches Risiko tragen, das sich nicht vermeiden lässt?
Da haben Sie natürlich recht. Aber in puncto fairer Handel fragen wir uns, ob Fairtrade mittelfristig nur noch den großen Plantagen zugänglich bleibt. Wir machen einen Trend aus, dass sukzessive mehr Produkte aus Plantagenwirtschaft - mit Siegel geschmückt - über Supermärkte und Discounter vermarktet werden. Langer Rede kurzer Sinn: Direktvermarktung in Deutschland ist für kleinbäuerliche Betriebe nicht nur eine wirkliche Chance, sondern eine Notwendigkeit. Wir gehen in der Wertschöpfungskette endlich einen Schritt weiter und bekommen Erfahrung als Akteure auf ausländischen Märkten.

Was kostet eine Fairtrade oder eine Bio-Zertifizierung?
Oh, die sind relativ teuer. Ich arbeite bei bin Mitglied einer Produzentenvereinigung im karibischen Raum in Costa Rica mit circa 1000 Mitgliedern. Wir sind die größte indigene Produzentenvereinigung des Landes und exportieren Öko-Bananen und Kakao. Natürlich ist es aufwendig, eine Kooperative mit 1000 Mitgliedern mit kleinen Fincas und häufig weit auseinanderliegenden Grundstücken zwischen 500qm und 3 Hektar zu zertifizieren, jedenfalls viel aufwendiger als eine große Plantage mit nur einem Besitzer. Das gilt für die Biozertifizierung oder für Fairtrade. Fairtrade war jahrelang kostenlos für Kleinproduzenten, mitlererweile ist diese Zertifizierung mindestens so teuer, wenn nicht teurer als die Biozertifizierung. Für beide Siegel rechnen wir mit etwa 20.000 Euro im Falle unserer Produzentenvereinigung in Costa Rica.

Warum bietet die deutsche Niederlassung zunächst einmal nur Kakaobohnen und Rohkaffee an? Wäre es nicht lukrativer, wenn Sie noch mehr von der Wertschöpfungskette mitnehmen könnten und auch gerösteten Kaffee oder Schokolade anbieten würden?
Eins nach dem anderen. Derzeit können wir Rohware für den Export in bester Qualität anbieten. Auf den lokalen Märkten gehen wir bereits an einigen Orten einen Schritt weiter. In Guatemala z.B. betreibt FECCEG eine Cafetería und einen Online-Shop mit Röstkaffee in den USA, in Peru stellt Norandino Marmelade her, in Costa Rica produziert APPTA Kokos- und Fruchtsnacks, um nur drei Beispiel zu nennen. Aber im Ausland haben wir momentan nicht die Marktkenntnisse und auch nicht das Kapital, um weiterverarbeitete Produkte anzubieten. Deshalb richtet sich unser Angebot in Deutschland an kleine und mittelere Röstereien und Schokolaterien, die im deutschen Markt bereits gut aufgestellt sind. Nach dem Rohkaffee und Kakaobohnen wollen wir Vollrohrzucker und Honig einführen.